Sonntag, 14. Juni 2020

Die Zerstörung des Waaghauses von Villarepos

Von Barbara Schaller


101 Jahre lang stand das kleine quadratische Häuschen, das sogenannte «Poids public», im Dorfzentrum von Villarepos. Eingebettet zwischen der Kirche und dem Dorfbrunnen. Für Generationen von Menschen war es ein vertrauter Anblick. Das Waaghaus war schon an seinem Platz, als die Milch noch mit Ross und Wagen zur Käserei gebracht wurde, und lange bevor die ersten Autos und Traktoren durch das Dorf fuhren. Ein charmantes Relikt aus einer vergangenen Zeit, ein Stück Dorfgeschichte, das vielen Stürmen getrotzt und selbst den Abbruch der benachbarten Dorfkirche überlebt hat. Die Waaggrube hat man vor Jahren mit Bauschutt und alten Grabsteinen aufgefüllt. Die Einheimischen von Villarepos sind nie zimperlich mit ihrem Kulturgut umgegangen und die meisten Ofenhäuser und die Mühlen sind leider verschwunden. Umso bemerkenswerter ist es, dass das Waaghaus so lange überlebt hat.


                  Foto: andreas-mathys.com


Das Waaghaus war von seinem Standort her auch ein Ort der Begegnung für all diejenigen, die zu Fuss unterwegs sind bzw. waren und es war verknüpft mit vielen persönlichen Erinnerungen an Gespräche, die in seinem Schatten auf der kleinen Sitzbank geführt wurden. Es war auch die letzte verbliebene "Pinwand" im Dorf und Vereine haben ihre Plakte dort aufgehängt, Teenager haben sich als Babysitter empfohlen und besorgte Tierbesitzer haben dort hoffnungsvoll ein Foto ihrer vermissten Katze befestigt.

Darüber hinaus hat es auf natürliche Weise den Verkehr im Dorfzentrum verlangsamt, weil man wegen des Rechtsvortritts nicht achtlos daran vorbeifahren konnte. Es war ein Markenzeichen von Villarepos und eines der letzten noch existierenden Waaghäuser im Kanton Freiburg. 101 Jahre lang.



 Foto: andreas-mathys.com


An einem trüben regnerischen Dienstagmorgen am 9. Juni 2020 ist seine Geschichte jäh zu Ende gegangen. Zwei auswärtige Männer haben sein Schicksal besiegelt: ein Ingenieur aus Murten und ein Landwirt aus Bärfischen, der erst seit kurzem im Gemeinderat von Courtepin sitzt und für das Ressort Strassenbau verantwortlich ist, tragen die Hauptverantwortung für seine Zerstörung. Beide Herren haben mit Villarepos nichts am Hut, haben nie in diesem Dorf gelebt, haben offenbar nicht das geringste Verständnis für Kulturgut und begreifen nicht, welche Bedeutung dieses kleine Häuschen für viele Bewohner von Villarepos hatte.

Wie konnte es soweit kommen? Das Unheil begann damit, dass der Gemeinderat der ehemaligen Gemeinde Villarepos, die seit Januar 2017 Teil der Gemeinde Courtepin ist, die Idee hatte, die Sanierungsarbeiten der Kanalisation im Dorfzentrum dafür zu nutzen, den Verkehr zu beruhigen und die Ortsdurchfahrt aufzuwerten. Das ganze nennt sich "Valtraloc", was soviel bedeutet wie «Valorisation des traversées de localités». Die Idee dahinter ist wohl, die Strasse zu einem "Begegnungsort" für die ganze Bevölkerung zu machen ...

Dieser Plan bzw. dessen Umsetzung ist im Fall von Villarepos gründlich schief gelaufen. Die Planung wurde einem Murtener Ingenieurbüro übertragen, dessen Inhaber vorsichtig ausgedrückt kein "Flair" für historische Bausubstanz hat. Mit der Aufwertung der Durchfahrt durch das geschützte (!) Dorfbild verbindet er im wesentlichen den Ersatz der historischen Infrastruktur. Zauneinfassungen und alte Bordsteine müssen weichen und werden durch vorfabrizierte seelenlose Strassenbauelemente und ausländische Granitblöcke ersetzt. An der Stelle des historischen Waaghauses soll Gerüchten zufolge der Asphalt gelb eingefärbt werden. Wie diese Zone genau aussehen soll, wissen jedoch nur der Ingenieur und der Gemeinderat, da die Pläne offenbar laufend abgeändert werden und die Einsicht verwehrt wird mit dem Hinweis, das sei alles so bewilligt worden. Ein Beispiel dafür ist die "Insel" aus geschliffenem Granit, die den historischen Dorfbrunnen verschandelt hat und auf den bewilligten Plänen sicher nicht eingezeichnet war. Sie musste inzwischen nach einer Ortsbesprechung mit dem Kulturgüteramt wieder entfernt werden! Mehr dazu in einem nächsten Blogpost.

Im Juli 2016 fand eine Ausschreibung für die Versetzung der Bushaltestelle im Rahmen von Valtraloc statt. Wer die Pläne konsultieren wollte, konnte dies an zwei Dienstagnachmittagen während anderthalb Stunden im ehemaligen Gemeindebüro von Villarepos tun oder sich nach Murten ins Oberamt begeben. Das Büro der Gemeindeverwaltung war während der Zeit der Publikation zwei Wochen lang geschlossen und die meisten Leute werden die Ausschreibung mitten in den Sommerferien ohnehin verpasst haben. Nicht so das Ehepaar Boschung, das seit zwanzig Jahren im ehemaligen Wagnerhaus im Dorfzentrum wohnt und sich mit grossem persönlichen Engagement für den Erhalt und die Wertschätzung der historischen Kulturgüter einsetzt und dafür von den Einheimischen oft angefeindet worden ist. Es hat sich die Mühe gemacht, die Gesuchsunterlagen zu konsultieren und hat entdeckt, dass das "Poids public" auf den Plänen des Ingenieurs einfach nicht mehr eingezeichnet war! Jeder andere hätte übersehen, dass das kleine Viereck im Dorfzentrum auf den Plänen fehlte. Es erhob Einsprache gegen die geplante Umsetzung von Valtraloc und verlangte den Erhalt des Waaghauses im Dorfzentrum.

Wieso sich niemand von den Einheimischen für das historische Waaghaus stark gemacht hat, ist für mich nur schwer nachvollziehbar. Auch der Gemeinderat der ehemaligen Gemeinde Villarepos wollte das "Poids public" aus unerfindlichen Gründen weghaben. So wie er einige Jahre zuvor schon den Abbruch des alten Dorfbrunnens beschlossen hatte. Die heutige Vertreterin von Villarepos im Gemeinderat von Courtepin war damals schon Teil des Gemeinderats und hat sich nie dazu geäussert.

Schliesslich einigte man sich darauf, das Häuschen mitsamt der unterirdischen Installation sorgfältig abzubauen und etwa fünfzehn Meter weiter östlich auf die Grünfläche vor dem Friedhof zu versetzen. Es wurde eine schriftliche Vereinbarung aufgesetzt und das Ehepaar Boschung zog die Einsprache zurück. Diese Lösung wurde jedoch von den alteingesessenen Nachbarn und wohl auch von der Kirchgemeinde nicht goutiert und es wurden dem Vernehmen nach mehrere Einsprachen gegen die Versetzung des Waaghauses eingereicht, die bis heute nicht beantwortet wurden. Gar von Störung des Totenfriedens war die Rede ...

Der zuständige Gemeinderat machte indes den Vorschlag, das historische Waaghaus auf den Spielplatz neben dem Fussballplatz zu versetzen! Dann hätte es seiner Meinung nach wenigstens eine Funktion. Soviel zu seinem Kulturverständnis.

Diese Woche ist dem hemdsärmligen Gemeindrat nun der Geduldsfaden gerissen und er hat einen folgenschweren Entschluss gefasst. «Fertig verhandelt! Das Hüsli muss weg!» Mit diesen Worten hat er das Ehepaar Boschung, dessen Engagement wir unter anderem den Erhalt des Dorfbrunnens verdanken, an Ort und Stelle abgekanzelt und behauptet, es gäbe eine gültige Abbruchbewilligung. 

Im vollen Wissen darum, dass der Abbruch des Waaghauses höchst umstritten ist, hat der zuständige Gemeinderat am 9. Juni 2020 morgens um sieben Uhr der Strassenbaufirma, die seit September 2019 im Dorfzentrum am Werk ist, grünes Licht für die Zerstörung des historischen Waaghauses gegeben. Dank dem Begehren einer renommierten Anwaltskanzlei erliess das Oberamt um 11 Uhr 45 einen Baustopp. Doch es war zu spät. Auch die herbeigerufene Polizei konnte nichts gegen den Abbruch ausrichten.

Aus dem vereinbarten sorgfältigen Abbau wurde ein brutaler Abbruch. Der verantwortliche Gemeinderat und seine Helfershelfer gehen als Totengräber des Waaghauses in die Geschichte von Villarepos ein. 


Gemeindrat und Ingenieur freuen sich über den Abbruch des Waaghauses ...

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Angeblich soll der Abbruch im Jahr 2016 bewilligt worden sein! Es deutet jedoch einiges darauf hin, dass der Abbruch widerrechtlich war! Im Amtsblatt des Kantons Freiburg wurde nie ein Abbruchgesuch publiziert. 

Das Waaghaus ("Poids public") ist zudem (bis heute!) auf der Liste der geschützten Kulturgüter im Anhang zum Gemeindereglement von Villarepos aufgeführt! Und zwar sowohl auf dem revidierten Gemeindereglement, das im Rahmen der Revision des Ortsplans von Villarepos am 9. September 2016 im Amtsblatt (Feuille officielle) Nr. 36 veröffnetlicht worden ist, also auch in der überarbeiteten Version, die im Amtsblatt Nr. 44 vom vom 3. November 2017 auf Seite 1693 publiziert worden ist.

Beide Versionen des revididerten Gemeindereglements sind auf der Website der Gemeinde Courtepin aufgeschaltet. Die neuere Version trägt das Datum "28 septembre 2018"! Sie ist offensichtlich nach der zweiten Publikation im Amtsblatt vom 3. November 2017 noch weiter überarbeitet worden und am 28. September 2018 zum dritten Mal publiziert worden. Auch in dieser aktuellsten Version des Baureglements der Gemeinde Courtepin für den Sektor Villarepos ist das Waaghaus auf der Liste der geschützten Güter in der Kategorie 2 (von 3) aufgeführt!




Wenn niemand innert Frist gegen den Schutz des Waaghauses Einsprache erhoben hat, ist gemäss meinem Rechtsverständnis davon auszugehen, dass dieser Entscheid nicht mehr angefochten werden kann und somit rechtskräftig wäre! 

Wie also ist es möglich, dass der Gemeinderat und der mit der Ausführung der Arbeiten beauftragte Ingenieur behaupten, im Besitz einer gültigen Abbruchbewilligung aus dem Jahr 2016 zu sein, wenn das Häuschen auf der Liste er geschützten Kulturgüter von Villarepos steht?!

Hat der Gemeinderat der ehemaligen Gemeinde Villapos womöglich für den Abbruch des Waaghauses nur ein kleines Baugesuch eingereicht? Diese Art von Baugesuchen, die man für die Errichtung eines kleinen Gewächshauses oder einer Pergola einreicht? Solche Gesuche werden nicht im Amtsblatt publiziert, sondern nur im Glaskasten der Gemeindeverwaltung ausgehängt und deshalb von den meisten Bürgern übersehen. Ein solches Vorgehen wäre klar rechtswidrig, denn bei einfachen Gesuchen entscheidet die Gemeinde selber über die Einsprachen. Es liegt auf der Hand, dass die Gemeinde nicht gleichzeitig Gesuchstellerin und Kontrollinstanz sein kann. Dass dieses Verfahren gesetzeswidrig ist, müsste dem damaligen Gemeinderat klar gewesen sein, zumal drei Mitglieder beruflich mit Baugesuchen zu tun hatten, darunter der Mitinhaber eines regional bekannten Architekturbüros und die bereits erwähnte Gemeinderätin, eine Hochbauzeichnerin. Kommt hinzu, dass es sich um ein historisches Kulturgut von öffentlichem Interesse und um eine feste Baute im Dorfzentrum handelt und nicht um einen privaten Hühnerstall in einem Hinterhof.
 
Es kann nach meinem Rechtsverständnis gar keine rechtskräftige bzw. rechtsgültige Abbruchbewilligung geben und es stellt sich die Frage, weshalb der Oberamtmann dieses Vorgehen schützt. Er hat den Baustopp nämlich drei Stunden später wieder aufgehoben und dem Ehepaar Boschung gleich noch eine Strafgebühr in der Höhe von 300 Franken aufgebrummt!

Tragischerweise gab es gar keinen zwingenden Grund, das im Jahr 1919 erbaute Waaghaus wegen der verkehrsberuhigenden Massnahmen (Valtraloc) im Dorfzentrum abzureissen. Die Valtraloc-Fachleute haben bestätigt, dass keine Notwendigkeit bestand, es aus Sicherheitsgründen zu entfernen und dass man es ins Konzept integrieren könnte bzw. hätte integrieren können. Das hätte dem Willen der Bevölkerung entsprochen und das Waaghaus hat seine verkehrsberuhigende Funktion ja bis vorgestern ohnehin schon erfüllt.

Gemeindeammann Martin Moosmann und Oberamtmann Daniel Lehmann wollten gemäss einem Bericht der Freiburger Nachrichten vom 10. Juni 2020 zur Zerstörung des Waaghauses keine Stellung nehmen.

Sie werden sich erklären müssen. Wenn kein rechtsgültiges Abbruchgesuch vorhanden war, müssen die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden.

Villarepos hat sein Waaghaus verloren. Das hätte nicht passieren dürfen. 



 









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